Unkontrollierte Wutausbrüche

Liebes Forum,

leider habe ich viel zu spät bemerkt, dass mein Vater eine Demenz entwickelt hat. Er war schon immer ein schwieriger Mensch und ich bin die letzten 2 Jahre etwas auf Abstand gegangen, da ich selbst eigene Baustellen hatte. Nun habe ich ihn besucht und es ist mir sehr schnell aufgefallen. Es tut mir schrecklich weh das zu sehen, ich dachte bis heute, er kann trotzdem noch gut alleine leben. Der Haushalt sieht gut aus, Einkaufen und Kochen klappt. Wir haben einen netten Ausflug zum See gemacht, über Stunden hab ich dann wieder garnichts bemerkt. Er ist 76, ich 38.

Nun zum eigentlich Problem. Der Nachbar hat mich eben angerufen, dass mein Vater abends und nachts völlig unkontrollierte Schreianfälle hat, Zeug durch die Gegend ruft, und zwar über einen langen Zeitraum, über Stunden zum Teil. Die Nachbarschaft ist inzwischen sehr gestört davon und inzwischen kommt das wohl fast wöchentlich vor. Tagsüber würde er dann "ganz normal" sein. Ich habe keine Ahnung, was ich tun kann. Ich wohne 300 km entfernt, ich will ich nicht aus dem Haus nehmen, da wohnt er seit er 20 Jahre alt ist. Meine Mutter ist vor 10 Jahren verstorben. Das ganze passiert wohl in Verbindung mit Alkohol, alles auf ihn einreden, dass er nicht trinken soll funktioniert nicht. Wenn er alleine ist sowieso nicht. Als ich eine Nacht dort übernachtet habe sind wir beide zeitig schlafen gegangen, dann war alles ok. Ich habe keine Kinder oder Partner, ich könnte rein theoretisch dahin ziehen. Aber das wäre für mich auch bedrückend, wieder in mein Kinderzimmer zurück. Ich weiß nicht, ob ich das aushalten würde. Andererseits kann es so ja auf keinen Fall bleiben.

Ich bin komplett überrumpelt von der Situation, da ich eben bis Freitag nicht mal wusste, dass er eine Demenz entwickelt hat.

Gestern war ich schon mit ihm beim Neurologen, er bekommt jetzt ein MRT. Aber das stoppt ja das Schreien nicht. Habt ihr Ideen was helfen könnte? Ein Anruf am Abend oder sowas?


Viele Grüße

Christine

Kommentare

  • Es ist immer anders , was helfen kann. Die Lösung wieder nach Hause zu ziehen, kann mit einer Last enden, die du nicht tragen kannst. Ich habe in kritischen Situationen einfach nur probiert: Pflegedienst, Tagespflege, ehrenamtliche Betreuung - alles hat auch immer eine gewisse Zeit funktioniert. Letztendlich haben wir es auch mit Psychopharmaka probiert. Ich pflege aber den Ehemann, das ist eine andere Verbindung.

    Die Schwiegermutter hatte auch schon Demenz. Die haben wir letztendlich ins Heim gegeben. Es hat ihr nicht gefallen, aber nach einigen Monaten war sie auch dort angekommen.

  • Hallo Christine,

    ich glaube kaum, dass sich das Aggressionsverhalten deines Vaters in der Nacht durch einen Anruf am Abend stoppen lässt. Wenn Alkohol eine Rolle dabei spielt, welchen er regelmäßig konsumiert und nicht darauf verzichten möchte, dann ist das wie ein Selbstläufer, denn diese Substanz puscht die nächtliche Situation. Das Schreien und Wüten wird weiter anhalten. Weiß er von den Beschwerden seiner Nachbarn?

    Helfen kann aus meiner Sicht nur eine gesicherte Diagnose des Neurologen, eventuell eine medikamentöse Behandlung , mit anschließender Hilfe und Unterstützung für deinen Vater durch einen Pflegedienst. Sehe das ähnlich wie Gerhild und aus eigenen Erfahrungen.

    Pflegegrad bei der Krankenkasse beantragen, Pflegeberatungsgespräch einholen, Hilfe installieren , was gerade von Nöten ist. Es gibt viele Betreuungsmöglichkeiten, die dir als Tochter aus der Entfernung Entlastung bieten, ob zu Hause in der vertrauten Umgebung, in der ambulanten Tagespflege oder stationär in einem Pflegeheim, Demenz WG.

    Die Last, einen erkrankten Angehörigen bei Wiedereinzug im Elternhaus zu pflegen, ist nicht zu unterschätzen, immens. Wir haben es nicht geschafft, unseren an Alzheimer erkrankten Schwiegervater bei uns wohnend, zu betreuen, seiner Erkrankung gerecht zu werden. Er zog letztendlich in eine Demenz WG, die seine individuellen Bedürfnissen wesentlich besser berücksichtigen konnten. Dort lebte er noch einige Zeit zufrieden mit Freude und die Familie durfte ihn liebevoll dabei entspannt begleiten.

    Jetzt pflege ich meinen leider ebenfalls an Alzheimer Demenz erkrankten Ehemann, seinen Sohn, mit Hilfe eines ambulanten Pflegedienstes. Was die Zukunft bringen wird, in welchem Ausmaß die Erkrankung weiter fortschreiten wird, das kann ich jetzt noch nicht abschätzen.....schaue Schritt für Schritt.

    Alles Gute für dich!

  • bearbeitet 5. August

    Ich höre immer wieder von Pflege, aber mein Vater geht ja davon aus, dass er nichts hat. Er kocht auch noch, duscht, putzt, geht einkaufen, ins Freibad und auf Konzerte. Wir waren am Wochenende zusammen am See. Er hat die Route rausgesucht, ins Navi eingegeben, wir sind dahin gefahren, dort war Badeverbot, dann ist ihm ein See in der Nähe eingefallen, da sind wir dann problemlos hinnavigiert. Er hat die Umkleide gefunden, am Kiosk bezahlt, … alles unauffällig umgesetzt. Am Montag hat er Spaghetti mit Garnelen gekocht, ohne Probleme, nachdem er einmal ins Rezept geschaut hatte. Freitag Abend hatte er einen Flyer rausgekramt, das Datum richtig benannt und ein Konzert in der Nähe vorgeschlagen. Beim Konzert hat er alle bekannten Leute erkannt und geplaudert. Wir waren im Supermarkt und er meinte er braucht ein neues Deo, wusste wo er das in dem riesigen Laden findet. Wie soll ich ihm denn erklären, dass jetzt ein Pflegedienst kommt? Er denkt, er sei gesund. Das wird ihm komplett absurd vorkommen. Er hat auch nicht verstanden, wieso ich plötzlich unbedingt eine Vorsorgevollmacht unterschreiben will. Er sagt, wir schauen zuversichtlich in die Zukunft. Wie habt ihr das gemacht?

    Ich werde ihm morgen am Telefon sagen müssen, dass die Nachbarn mich kontaktiert haben, weil er nachts rumschreit und er das mit dem Alkohol einschränken muss oder zumindest darauf achtet, dass die Fenster und Türen verschlossen sind. Mal sehen, wie er reagiert. Vermutlich wird er es abstreiten. Es sind auch schon zweimal Nachbarn rübergegangen, aber das ist dann natürlich, wenn er im "Rausch/Wahn" ist. Vielleicht ändert es ja etwas, wenn man es tagsüber bespricht.

    Ich habe noch eine Frage: Wie schafft ihr es, euch nicht in schreckliche Zukunftsszenarien hineinzusteigern? Ich bin eigentlich die ganze Zeit aufgelöst, ich kann kaum arbeiten.

  • Hallo Christine7788

    Ich habe alles aufmerksam gelesen. Kann es sein, dass der Vater eine Frontotemporale Demenz hat?

    Bei dieser Art der Erkrankung funktioniert das Gedächtnis noch recht gut. Aber durch den regelmäßigen Alkohol Missbrauch sterben bei jedem Vollrausch Millionen Gehirnzellen unwiderruflich ab. Wutausbrüche, Schreien würde ich mit der Erkrankung in Zusammenhang bringen. Bei einer Frontotemporale Demenz verändert sich das Wesen stark. Man empfindet auch kein Unrecht mehr.

    Lass es bitte abklären.

    Alles Gute für Dich und den Vater.

  • Danke für deinen Rat. Mein Vater ist nüchtern/tagsüber aber nicht aggressiv. Er hat letztens verbotenerweise in einem Hof eines Gasthauses geparkt und sich dann extra entschuldigt. Er sagte, da müsste er mal ne große Pizza essen gehen, als Vergütung. Auch mir gegenüber reagierte er die letzten Telefonate und Treffen angemessen. Ich konnte letztens nicht anders und musste einfach weinen und er hat mich getröstet. Er denkt ja, er hat nichts, versteht nicht wieso ich weine.

    Er hatte früher schon immer eine extrem kurze Zündschnur. Daher war ich ehrlich gesagt anfangs als ich gehört habe, dass er seine Ex-Lebensgefährtin so aggressiv angeht erstmal nicht überrascht. Er konnte schon vor 20 Jahren von 0 auf 100 ausrasten, weil man die Ausfahrt auf der Autobahn verpasst hat. Aber sowas wie im Wahn vor sich hinschreien wenn er alleine ist, stöhnen, wirre Sätze schreien… das dann doch nicht. Das ist neu.

    Am Freitag ist wohl das MRT, dann kommt unweigerlich eine Diagnose auf uns zu.

    Sein Gedächtnis ist leider punktuell doch sehr gestört. Neurolgentermin vergessen, sein E-Bike wurde vor 3 Monaten geklaut, er besteht darauf, dass das vor 3 Wochen war. Er kann sich nicht erinnern, dass er vor wenigen Monaten bei seinem Lieblingsitaliener war und sagt dann, da war er ja schon über ein Jahr nicht mehr.

    Ach man, es tut so weh diese Menschen, die einen gefüttert und großgezogen haben, die alles für einen organisiert und gemanagt haben, … so zu sehen. Es ist mir sehr, sehr wichtig, einen würdevollen Blick auf ihn zu erhalten. Ihn als erwachsenen Menschen mit einer großen Lebensleistung zu sehen, der jetzt krank ist.

  • Hallo Christine,

    wenn ihr eine gesicherte Diagnose habt, dann wisst ihr woran ihr seid.

    Alkoholmissbrauch, den dein Vater regelmäßig betreibt, so erlese ich das aus deinen Beiträgen, fördert den Abbau von Gedächtnisleistungen und zeigt sich auch im Verhalten. Die Substanz ist ein Zellgift, schädigt das Gehirn auf Dauer und die Symptome ähneln einer Demenz.

    Wir Angehörige, leiden aus meinen Erfahrungen leider am meisten unter der Erkrankung mit den dementsprechenden Herausforderungen im Alltag. Für den Betroffenen sind unsere Gefühle, Ängste und Sorgen oft nicht nachvollziehbar. Sie leben mit ihrer Erkrankung in ihrer eigenen Welt.

    Ich wünsche dir viel Kraft und alles Gute für dich und deinen Vater!

  • bearbeitet 6. August

    Danke für den Hinweis. Werde ich beim Arzt mal ansprechen.

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