Ehemann plötzlich aufbrausend und agressiv

LiebeMitglieder des Forums,

Mein Ehemann (78) leidet an Demenz/Depression/Einsamkeit und nachlassenden körperlichen Kräften. Fahrradfahren ist nicht mehr möglich, das Laufen fällt schwer. Diese Einschränkungen belasten auch unsere Beziehung, Rollenverschiebung!! und weil es mir (72) noch gesundheitheitlich recht gut geht. Das Zusammenleben ist in den Wochen immer schwieriger geworden, weil er beim kleinsten Anlass vollkommen ausrastet, Räume abschließt, mich ohne Geld und Jacke vor der Haustür stehen lässt und mich gestern sogar körperlich angegriffen hat, indem er mir ins Haar gefasst und mich festgehalten hat. Es ist mir nicht weiter passiert, aber für mich war es eine Grenzüberschreitung.

Es tut mir so weh, dies schreiben zu müssen, nach fast 50 Ehejahren ... bis 2019 führten wir eine von Toleranz und Anerkennung geprägt Beziehung auf Augenhöhe. Mein Mann hat sich früher weder privat noch in der Schule aus der Ruhe bringen lassen! 2019 erlitt mein Mann einen plötzlichen Herzstillstand, ihm wurde ein Defi implantiert. Davon hat er sich wieder erholt, 2023 musste er mit einer Coronarinfektion ins Krankenhaus, in diesem Zusammenhang hat man die dementielle Veränderung festgestellt, Nervenwasser Untersuchung, Schädel MRT, weitere Kontrolluntersuchungen hat er abgelehnt. Beim Hausarzt wird er weiter wegen seiner Diabetis, Blutdruck- und Herzerkrankung behandelt. Eine ambulante Behandlung beim Psychiater, Psychologen oder Einweisung in eine Klinik hat er strikt abgelehnt.

Nach seiner Viruserkrankung im Februar diesen Jahres und meinem Krankenhausaufenthalt wegen einer Influenzainfektion war er zumindest bereit einen Pflegegrad zu beantragen, Pflegegrad 2 ist festgestellt worden.

Jetzt weiß ich nicht wirklich wie ich mich weiter verhalten soll. Unsere Kinder wohnen mit ihren Familien an ihren früheren Studienorten, 2 1/2 Stunden Fahrzeit mit dem Auto, sie unterstützen mich telefonisch und durch Besuche so gut es geht. Vergangenen Sonntag haben alle 3 Kinder gemeinsam versucht, ihm deutlich zu machen, dass sie sich Sorgen um ihn machen, weil er Hilfe benötigt und ihm die Notwendigkeit einer medikamentösen Behandlung ans Herz gelegt. Leider ohne Erfolg, im Gegenteil: Nach der Auseinandersetzung hat sich mein Mann zurückgezogen, ist dem gemeinsamen Essen ferngeblieben und auch jetzt nach fast einer Woche, geht er nicht nicht ans Telefon, wenn die Söhne/Tochter anrufen. Inzwischen haben wir nochmal mit dem Hausarzt Konakt aufgenommen. Er glaubt, dass bei einer guten medikamentösen Einstellung das Leben für meinen Mann und damit auch für mich erträglicher werden könnte. Solange das nicht der Fall ist, solle ich das Haus verlassen, damit mein Mann merkt, dass er allein sein Leben nicht regeln kann. Zeitgleich sollte ich einen richterlichen Beschluss für eine gesetzliche Betreuung anfordern. Das fällt mir sehr schwer, weil ich einerseits sehe, dass mein Mann allein nicht zurecht kommt ... andererseits aber immernoch sehr kommunikativ redegewandt ist, um seine persönliche Sichtweise der Dinge darzustellen.... und weil es natürlich auch gute Tage gibt... und viele schöne gemeinsame Jahre. Welche Lösung bietet sich an. Auf die Dauer geht es so nicht weiter, dann bin ich mit meinen Kräften am Ende. Danke fürs Lesen!

Kommentare

  • Hallo Hommi,

    herzlich Willkommen hier im Forum.

    Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie extrem belastend die ganze Situation sein muss. Das ist schwer emotional auszuhalten, wenn man von seinem demenzerkrankten Ehepartner körperlich angegriffen wird, auch wenn es der Krankheit geschuldet ist. Macht unfassbar traurig und verletzt. Geht es doch vielen Angehörigen hier so.

    Darf ich fragen, in welcher Art sich die dementiellen Veränderungen im Alltag noch zeigen? Aggressivität ..........

    Ich lese aus dem Beitrag, dass bislang eine genaue Diagnostik nicht stattfinden konnte, aufgrund einer Verweigerungshaltung des Ehegatten. Diese Haltung kommt leider häufig bei den Betroffenen vor. Sie vermeiden aus Angst vor der schlimmen Diagnose, leben lieber jahrelang mit der Ungewissheit und belasten ihre Angehörigen dadurch schwer.

    Mein Mann, jetzt 69 J. benötige 6 Jahre, bis er sich durch den "Druck" unserer Hausärztin, der ich meine Sorgen, Ängste und Beobachtungen schilderte, als auch schon durch erste Auffälligkeiten bei einer Neurologin 2020/21, endlich einer differenzierten Diagnostik in einer Memoryklinik mit dem Befund "Morbus Alzheimer" stellte.

    Die fehlende und mangelnde Krankheitseinsicht ist häufig auch ein Zeichen der Demenzerkrankung und wird sich in der Regel noch weiter verfestigen. Deshalb ist es leider oft schwierig, durch gutes Zureden der Familie oder Überzeugungsarbeit ein wohlwollendes Verhalten bei dem Erkrankten zu erwirken, zumal dieser sich dadurch gekränkt, unter Druck gesetzt fühlt und sich weiter zurückzieht. Ich kenne diese Verhaltensweisen nur zu gut aus eigenen Erfahrungen, unsere Familie konnte rein gar nichts bewirken!

    Gibt es eine Vorsorgevollmacht, die es erlauben würde, rechtlich für den Ehemann tätig zu werden, ohne gleich eine gesetzliche Betreuung beim Amtsgericht anzuregen ? Wir haben eine notarielle Vorsorgevollmacht für alle Bereiche, die ich jetzt in der Demenzerkrankung als Betreuerin bereits in Anspruch nehmen konnte z.B. bei Behördengängen, Krankenhausaufenthalten, Pflegekassen, Arztbesuchen, Widersprüche usw.

    Eine gute medikamentöse Einstellung mit Psychopharmaka kann auf jeden Fall die Alltagssituation verbessern. Darin teile ich die Auffassung des Hausarztes.

    Mein Mann nimmt ein Antidepressiva ein, da er zusätzlich zur Demenz unter starken Depressionen mit Suizidgedanken leidet. Er reagiert einerseits oft verbal aggressiv , gerät bei kleinsten Anlässen schnell in Wut, vor allem wenn er sich bevormundet fühlt. Auch hierbei spielt die " Rollenverteilung", sein Autonomiegefühl eine große Rolle. Andererseits zieht er sich auch zurück, wird teilnahmslos. Er trauert extrem über den Verlust seiner Gedächtnisleistungen der Alzheimer Diagnose. Das Medikament hilft ihm nun, im Rahmen seiner Möglichkeiten " ausgeglichener" durch den Alltag zu kommen. Insgesamt ist er ruhiger, ansprechbarer und motivierbarer geworden, die häusliche Gesamtsituation entspannter.

    Ich habe den Raum oder das Haus häufig dann aus Selbstschutz verlassen, wenn die Aggressivität meines Mannes zu übermächtig wurde, ich extremst gestresst dadurch war. Aber nicht, um ihm zu vermitteln, dass er von mir aufgrund seiner Krankheit abhängig ist, wenn ich nicht anwesend bin . Das weiß er mittlerweile sowieso, spürt seine Defizite, die ihn auch oft unsicher und überängstlich werden lassen. Ich weiß nicht, ob das ein kluger Rat des Hausarztes ist. Aus Selbstfürsorge, bevor die körperlich oder verbal aggressive Situation eskaliert, würde ich es sofort befürworten, auch um Grenzen zu setzen. Gewalttätigkeit darf nicht passieren!

    Vielleicht kann der Hausarzt nochmals etwas bewirken, ein Gespräch mit allen Beteiligten führen. Unsere Hausärztin hat während der Unterhaltung mit mir und meinem Mann sofort einen telefonischen Termin in der Memoryklinik vereinbart, sodass es kein Zurück für ihn mehr gab. Das Antidepressiva wurde auch von unserer Hausärztin verschrieben. Normalerweise benötigt man für die Verschreibung von Psychopharmaka keinen Neurologen oder Psychiater, sodass der Hausarzt auch bei der Verschreibung eines passenden Medikamentes helfen könnte.

    Ich verstehe diese Hilf- und Machtlosigkeit nur zu gut, wenn der erkrankte Partner sich gegen alle Unterstützungsmaßnahmen, gegen eine Diagnostik wehrt. Der eigene Leidensdruck ist riesig und die Kraft schwindet. In diesen schweren Zeiten hat es mir gut getan, mich daran zu erinnern, wieder etwas für meine Selbstfürsorge zu tun, den Fokus auf mich zu lenken. Mein Mann kann stundenweise noch alleine bleiben, ich nutze phasenweise immer wieder die Zeit für mich. Das entspannt ebenfalls die häusliche Situation. Vielleicht ist diese Möglichkeit auch umsetzbar, um aus dem Spannungsfeld in den eigenen vier Wänden herauszukommen oder eventuell die Inanspruchnahme einer Tagespflege für den Ehemann, auch wenn sich erstmal wieder verweigert wird.

    Ich hoffe, ich konnte ein wenig weiterhelfen.

    Alles Gute und viel Kraft!

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